Interview

„Früher waren es Strohballen, heute ist es Hightech“

Wenn Skistars wie Felix Neureuther oder Viktoria Rebensburg in diesem Winter um Medaillen kämpfen, vertrauen Sie auch auf Karlheinz Waibel. Der 50-Jährige ist beim Deutschen Skiverband Bundestrainer für Wissenschaft und Material – und damit unter anderem zuständig für immer höhere Sicherheitsstandards.

 Interview Tino Scholz  Fotos Dirk Bruniecki

HERR WAIBEL, KÖNNEN SIE SICH DEN ALPINEN SKISPORT OHNE STÜRZE VORSTELLEN?

Nicht wirklich. Das ist immer noch Rennsport! Zu dessen Wesen gehören leider auch Stürze. Der Reiz für den Zuschauer ist doch der, dass die Athleten am Limit agieren. Das macht auch den Reiz für die Sportler selbst aus. Gäbe es keine riskanten Manöver, die auch mal zu Stürzen führen können, ginge dem Sport etwas verloren. Allerdings muss das Risiko im Rahmen bleiben: Daher beschäftige ich mich als Bundestrainer Wissenschaft und Material unter anderem mit Sicherheitsaspekten im alpinen Skirennsport. 

  

WIE KOMPLEX IST ES, DIE SICHERHEIT DER ATHLETEN MIT EINER GUTEN SHOW ZU VEREINEN?

Ziemlich komplex, gerade weil viele Komponenten beim Skisport eine Rolle spielen. Es gibt den Menschen, das Material, die Streckenpräparation, die natürlichen Gegebenheiten. Auf diese Faktoren baut der Reiz des Rennfahrens auf: Je besser und sicherer die Bedingungen sind, desto mehr kann sich der Athlet zutrauen. 

 

WIE HAT SICH DAS RISIKO IN DEN VORIGEN JAHRZEHNTEN ENTWICKELT?

Es wurde viel unternommen, um den Athleten mehr Sicherheit zu geben. Allein hinsichtlich der Streckenabsicherung: In den Siebziger- und Achtzigerjahren bildeten Strohballen und Holzstaketen unsere Standards. Heute bauen wir dreifache Sicherheitszonen auf. Wir verwenden Hightech zum Schutz der Athleten. Die Trainer des Deutschen Skiverbands beraten zudem regelmäßig über Verbesserungen. Selbst bei Details.

 

Analoge Vorbereitung

Analoge Vorbereitung

Ski-Werkstätten wie diese waren früher der Standard – heute kann man sie im Museum des Deutschen Skiverbandes begutachten.

 

 

Sind auch deshalb ständig neue Höchstleistungen möglich? 

Genau. Je sicherer wir die Rennen machen, desto mehr entwickelt sich auch der Athlet weiter und lotet immer wieder das Limit aus. Die Grenzen verschieben sich und dadurch tauchen neue Risikofaktoren auf. Die versuchen wir dann wieder abzuschwächen. Diese Spirale kann man aber nicht ewig weiterdrehen, dessen müssen sich alle Akteure bewusst sein.

 

WIE GENAU WIRKEN SIE IN DIESEM ZUSAMMENHANG IN IHRER FUNKTION ALS BUNDESTRAINER FÜR WISSENSCHAFT UND MATERIAL? 

Ich treibe im Deutschen Skiverband Entwicklungen und Innovationen unter Sicherheitsaspekten voran – von den Profis bis zum Nachwuchs. Natürlich helfen da die Erfahrungen, die ich als Cheftrainer der deutschen Skirennfahrer ab 2009 gesammelt habe. Ich stehe nun vor allem mit den Trainern im Kontakt. Wichtig ist dabei, das Bewusstsein für Risikomanagement zu schärfen. Denn schon die Jüngsten müssen im Training aus der Komfortzone raus. Auch wenn es sich komisch anhört: Es ist wichtig, in jungen Jahren auch Stürze und damit Reflexe zu trainieren. Weil man diese braucht, wenn man sich im Wettkampf am Limit bewegt. 

 

WARUM LEGT DER DEUTSCHE SKIVERBAND (DSV) VIEL WERT AUF DIESEN AUSTAUSCH?

In meiner Zeit als Bundestrainer im Ski Alpin der Männer hatten wir viele verletzte Sportler. Das war ein großes Problem, denn beim Deutschen Skiverband haben wir normalerweise nur zwei bis drei Athleten, die in der Spitze mitfahren können. Wenn die verletzt sind, haben wir kaum Siegchancen. Die Frage also war: Wie können wir weiter möglichst am Limit fahren, gleichzeitig aber die Verletzungsanfälligkeit verringern? Daran arbeiten wir seit einigen Jahren intensiv, als Ergebnis etwa mit der Präventhese: einem aktiven Schutzelement, das Knieverletzungen vorbeugen soll. Das kann aber nur der Anfang sein. Daneben liegt uns die Gesundheit unserer Sportler ganz allgemein und unabhängig von Verbandsinteressen sehr am Herzen.

 

GENERELL REAGIEREN ATHLETEN VERHALTEN AUF ÄNDERUNGEN, DIE SIE AM KÖRPER BETREFFEN. WARUM?

Es sind Rennfahrer. Sie werden nicht dafür belohnt, dass sie einen Hang sicher runterfahren, sondern schnell. Das ist ihre Motivation. Man muss ihnen klarmachen, dass ihnen mit neuem Schutz kein Nachteil entsteht. Die Athleten sind da speziell, es geht im Wettkampf um Zehntel- und Hundertstelsekunden. Manchmal dauert die Umstellung daher etwas. Letztens habe ich etwa ein Bild vom Felix Neureuther gesehen, das müsste ungefähr von 2006 gewesen sein. Da ist er einen Slalom noch mit Mütze gefahren. Kaum vorstellbar! Er war einer der Letzten, der auf einen Helm umgestiegen ist.

Zur Person Karlheinz Waibel

Zur Person Karlheinz Waibel

Karlheinz Waibel ist seit 2014 Bundestrainer für Wissenschaft und Material beim Deutschen Skiverband (DSV). Dort kümmert er sich dank seiner Erfahrungen im alpinen Rennsport auch um Fragen der Sicherheit.

Waibel, 50, wurde in Sulzberg im Allgäu geboren und studierte Sportwissenschaften in München. Er war selbst als Skirennfahrer aktiv. Heute ist er diplomierter Sportlehrer mit der Fachrichtung Leistungssport Alpin.

Seit 1995 ist er als Trainer und Sportwissenschaftler beim DSV aktiv. Er war als Konditions- sowie Disziplintrainer sowohl für das Weltcupteam der Männer (1995-2002) und auch für das der Frauen (2002-2003) verantwortlich.

Von 2003 bis 2009 war Waibel Wissenschaftskoordinator des Bereichs Ski Alpin, in der Folge trainierte er bis 2014 die Ski-Alpin-Männer. Dort arbeitete er zusammen mit Spitzenathleten wie Felix Neureuther.

 

 

DIE PSYCHE, DIE SIE ANSPRECHEN, IST BEI SPORTLERN EIN BEDEUTENDER FAKTOR. WIE WICHTIG IST DIE EINHEIT VON KOPF UND MATERIAL?

Extrem wichtig. Wenn der Fahrer sich mit seinem Material wohl- und sicher fühlt und er merkt, dass das Material auch das macht, was er will, steigert das ungemein das Selbstvertrauen. Dann, ich würde sagen nur dann, kann der Fahrer auch erfolgreich sein. 

 

UND WENN NICHT?

Führt es zu Verunsicherung. Manch einer kann damit besser umgehen, manch einer nur sehr schlecht. Aber insgesamt kann sich wohl kaum jemand vollkommen fokussieren, wenn er weiß, dass das Material nicht passgenau ist, dass in einer Kurve bei über 100 Stundenkilometern etwa die Bindung aufgehen kann. Das ist ungemein brisant. 

 

UMSO WICHTIGER IST DIE VORBEREITUNG. WIE VERBRINGEN DIE FAHRER DIE STUNDEN VOR DEM START?

Sie beschäftigen sich intensiv mit der Strecke. Mental, aber auch mit Blick auf die Beschaffenheit. Vor dem Rennen hat jeder die Möglichkeit, die Piste zu besichtigen. Die Zeit dafür beträgt je nach Disziplin 45 Minuten bis anderthalb Stunden. Manche sind nach fünf Minuten wieder unten, manche haben Not, innerhalb der vorgegebenen Zeit wieder im Ziel zu sein.

 

WARUM? 

Vor dem Start visualisieren die Fahrer die Strecke vor ihrem geistigen Auge und fahren sie mehrmals ab. Während die einen das millimetergenau tun und alle Eventualitäten abspielen, machen andere das nur oberflächlich. Sie orientieren sich nur an ein paar Punkten. Da hat jeder seine eigene Methode. Auch, was die Visualisierung betrifft. Die einen fahren die Strecke aus der Fahrerperspektive ab, die anderen so, als würde eine Kamera hinter ihnen fliegen.

 

UND VOR DEM RENNEN IST DANN JEDER IN SEINEM MENTALEN TUNNEL?

Die Trainer stehen an der Strecke und funken Hinweise an den Start, wie sich die Piste seit der Besichtigung verändert hat. Manche wollen detaillierte Infos, manch einer will gar nichts wissen. Und dann geht’s den Hang hinunter. 

 

DIE PSYCHE ZU STÄRKEN, IST DAS EINE – WIE LÄSST SICH DAS MATERIAL NOCH SICHERER MACHEN? 

Das ist ein wichtiges Thema, wenn auch nicht ganz einfach. Denn jede technische Weiterentwicklung kostet erst einmal viel Geld. Es geht daher nur gemeinsam – und Gott sei Dank haben wir ein kollektives Bewusstsein von Trainern, der Industrie, den Verbänden und der Sportwissenschaft, um die Sicherheit voranzubringen.

 

WIE MIT DEM SEIT ZWEI SAISONS EINGESETZTEN AIRBAG FÜR DEN HALS-, BRUST- UND WIRBELBEREICH. 

Ja. Ein italienischer Hersteller hat diese Airbags bereits erfolgreich im Motorradsport etabliert. Er ist auf dem besten Wege, das auch im Skirennsport zu schaffen.

Digitale Analyse

Digitale Analyse

Längst werden die Fahrbilder der Rennfahrer am Laptop bis ins Detail ausgewertet.

 

 

HAT DER AIRBAG SCHON EINMAL SCHLIMMERES VERHINDERT? 

Bei prominenten Beispielen wie Matthias Mayr und Hannes Reichelt aus Österreich heißt es, der Airbag habe schwerere Verletzungen verhindert. Zwar fürchten sich die Athleten vor Fehlauslösungen, doch diese gab es bisher nicht. Der Algorithmus erkennt den Moment eines Sturzes genau, er ist also etwas Gutes. Jetzt geht es darum, ihn auch einzusetzen, um die Knie zu schützen. 

 

DIE JA SEIT 2006 40 PROZENT DER VERLETZUNGEN IM ALPINEN SKISPORT AUF SICH VEREINEN. 

Alle wissen darum, aber für die Knie gibt es kaum aktive Schutzmechanismen. Das Knie soll so wenig wie möglich in seiner Performance eingeschränkt werden. Wir müssen daher noch Entwicklungsarbeit leisten, sind aber auf dem richtigen Weg. Smart Materials etwa könnten helfen. 

 

IN WELCHER FORM?

Wie beim Airbag für den Oberkörper könnte Sensorik dafür sorgen, dass sich bei einem Sturz nicht nur ein Airbag am Knie öffnet, sondern sich auch die Skibindungen lösen. So wird der Druck auf die Knie verringert.

 

WARUM GIBT ES DAS NICHT LÄNGST? 

So etwas benötigt Zeit und Geld. Auch die Athleten müssen überzeugt werden. Algorithmen und Sensoren sind etwas schwer Greifbares. Die Fahrer vertrauen lieber ihren mechanischen Bindungen, die kennen sie. Das ist noch eine große Hürde, die wir aber nehmen wollen. Denn es würde die Sicherheit steigern.