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Barcelona steht für herausragende Architektur, gutes Essen und schönes Wetter. Dass in der Mittelmeer-Metropole dank junger Unternehmer und innovativer Firmen auch die smarte Mobilität an Bedeutung gewinnt, ist hingegen weniger bekannt. Ein Ortsbesuch.

Text Tino Scholz  Fotos Michael Englert

Die Zukunft passt problemlos in Ignasi Vilajosanas Hände. Die Zukunft ist etwa ein halbes Kilo schwer, 15 Zentimeter im Durchmesser und schwarz. Ein Sensor, der zu Tausenden in den Metropolen der Welt in den Asphalt eingesetzt wird, in Singapur, Moskau oder Dubai. Und in Barcelona. Da, wo Vilajosana geboren ist, wo er sein Unternehmen Worldsensing gegründet hat und von wo aus er die Welt erobern will. Mit eben jenen Sensoren: smarte Vorboten einer globalen Entwicklung, die schon bald die Mobilität in vielen Städten zu großen Teilen umwälzen könnten. Vilajosana sagt: „Sie sind klein, aber fein.“

Der 38-jährige Gründer steht auf dem Dach seines Bürogebäudes, in dem seine Firma seit vier Jahren residiert. Hier oben aber war er noch nie. Die Sonne geht gerade unter, Vilajosana hat einen Blick über die gesamte Stadt, die Sagrada Familia, das gotische Viertel, bis zum Meer hinunter. Der Mann, der den ganzen Tag mit Kunden rund um die Welt telefoniert, zückt sein Smartphone, macht Fotos und hält für einen Moment inne. „Die Entwicklung ist rasant“, sagt er. „Wir haben in unserer Branche eine Dynamik, die wir nutzen wollen. Und wir glauben, dass Barcelona der perfekte Standort dafür ist.“

 

Wenn es um Hightech und Autos geht, gibt es weltweit viele führende Standorte – sei es in Asien, den USA, Deutschland. Barcelona zählte bislang nicht unbedingt dazu. Doch ein Ortsbesuch liefert zarte Hinweise, warum sich die Metropole am Mittelmeer in Zukunft technologisch einen Namen machen könnte. Denn die Automobilindustrie unterliegt momentan einem fundamentalen Wandel: Es sind immer weniger die Autobauer, sondern immer mehr die Entwickler der Technologie und Infrastruktur, die die Vision des Autos von morgen bestimmen. Eine Chance für Entrepreneure wie Ignasi Vilajosana, der 2015 zum Jungunternehmer des Jahres von Katalonien ausgezeichnet wurde – der wirtschaftsstärksten Region Spaniens.

Wichtige Rolle in Europa 

Vilajosana ist ein eher ruhiger Mensch, der aber, wenn es nötig ist, ganze Gruppen von Menschen mit seinem Fachwissen fesseln kann. Etwa wenn es darum geht, warum Barcelona technologisch eine wichtige Rolle in Europa spielt. „Das Umfeld ist stark und innovativ“, sagt er dann. „Man muss sich nur die Zahlen anschauen.“ Von den rund 500 Millionen Euro Venturecapital, das im Jahr 2015 von ausländischen Investoren nach Spanien floss, landeten 340 Millionen davon in Barcelona. Davon profitiert indirekt auch Worldsensing: Das 2008 gegründete und über 50 Mitarbeiter starke Unternehmen soll bis Ende dieses Jahres auf die doppelte Personenstärke anwachsen.

Schon heute ist die Büroetage in der Carrer d’Aragó viel zu klein. Die Wärme steht förmlich – weil es auf wenig Raum sehr viele PCs gibt, auf denen Charts, Grafiken und Echtzeitanzeigen der Parkraumnutzung flackern. Mitarbeiter flitzen hin und her, man spricht Englisch. Worldsensing ist darauf spezialisiert, drahtlose Sensorennetzwerke in den Bereichen Industrie und Mobilität zu implementieren. Mithilfe von Echtzeitdaten werden damit Prozesse überwacht und optimiert. Auch Metropolen wie Bogotá, Casablanca und Shanghai greifen auf Vilajosanas Lösungen zurück, sie lassen ihren Verkehrsfluss durch Sensoren beobachten oder ihre Parksysteme verbessern. Gerade erst ist der Gründer von einem Termin im Iran zurückgekehrt.

 

Nadelöhr

Nadelöhr

Die Diagonal ist eine der wichtigsten Straßen Barcelonas und wird täglich von Zehntausenden Autos passiert.

 

Jetzt steht er schon wieder mitten in Barcelona. Direkt an der Diagonal, einer der lärmenden Hauptverkehrsadern, die sich sechsspurig durch die Stadt fräsen. Hunderttausende Autos bahnen sich täglich hupend ihren Weg. Das Camp Nou, das Stadion des FC Barcelona, ist auf der einen Straßenseite in Blickweite. Auf der anderen Seite liegt mit dem Hospital Barcelona eines der größten Krankenhäuser. Die Parkplätze sind entsprechend begehrt: Auch an diesem sonnigen Wintertag sind alle belegt. 

In Zusammenarbeit mit Worldsensing hat die Stadt über 500 Parksensoren in ganz Barcelona verteilt – wie an der Diagonal. Als einmal ein Platz frei wird, zeigt Vilajosana den Sensor. Nahezu unauffällig ruht dieser eingearbeitet im Asphalt. „Entscheidend“, sagt der Gründer, „ist die drahtlose Technik, die dahintersteckt.“ Städte können dank ihr Parkbewegungen besser analysieren und dadurch unter anderem ihr Gebührensystem anpassen. Autofahrer wiederum, die sich die App downloaden, sehen in Echtzeit, wie frequentiert eine Parkregion gerade ist. Vilajosana zeigt die App auf seinem Smartphone: Die Straße direkt am Krankenhaus ist rot markiert. Auf der anderen Seite der Diagonal hingegen leuchtet es grün – das Zeichen für den Fahrer, es dort zu probieren. Weniger als 84 Prozent der Parkfläche sind belegt.

Die smarte Parkplatzvermittlung soll erst der Anfang sein. Längst gibt es schon Überlegungen, wie Sensoren für hochautomatisierte Autos weiterentwickelt werden könnten – also für Fahrzeuge, die vielleicht schon in naher Zukunft autonom über die Straßen gleiten werden. Dann können die Sensoren mit den Autos kommunizieren und diese direkt zu den Parkplätzen leiten. Das Ziel ist es, den Verkehrsfluss zu erhöhen und unnötige Suchfahrten, die die Straßen verstopfen und Emissionen verursachen, zu vermeiden. Vilajosana zeigt auf die Straße, wo mehrere Fahrer im Schritttempo unterwegs sind, weil sie einen Parkplatz suchen – wahrscheinlich ohne App. Erhebungen zufolge konnte die Parkplatzsuche mithilfe der Sensoren bereits von 16 auf 14 Minuten gesenkt werden. 

 

„Wenn sie die Wahl haben, entscheiden sich Teenager heutezutage für Smart-phones statt Autos“

José Miguel Garcia (Direktor der Messe Automobile)

 

Datengetriebene Menschen

Rund zehn staufreie Fahrminuten von der Diagonal entfernt befindet sich die Plaza Sant Jaume, mitten im gotischen Viertel, da, wo sich unzählige Touristen durch die Gassen quetschen wie die Autos durch die Straßen. Herzstück des Platzes ist das Rathaus von Barcelona. Hier, in einem prachtvollen Bau mit neoklassizistischer Fassade und Innenhöfen im gotischen Stil, thront das administrative Zentrum des Barcelona von morgen. 

Die Stadt will sich als Smart City positionieren, die mit intelligenten Lösungen das Leben der Bürger verbessert. Barcelona hat seit 2008 sehr unter der Wirtschaftskrise gelitten, so wie ganz Spanien. Die Krise war ein Warnschuss, auch deshalb investiert die Stadt seit etwa sechs Jahren massiv in Innovationszentren und fördert die Start-ups. Die Politik will die Menschen mit den Daten verknüpfen, die Vision ist eine Open-Source-Stadt, in der die Bürger auf eine Vielzahl an Daten zugreifen können. 

Mobilität spielt da ebenfalls eine Rolle, auch wenn die aktuelle Regierung den Fokus nicht mehr so vehement auf die Sensoren legt wie ihre Vorgänger. Mehr öffentlicher Verkehr, weniger private Pkw lautet die Losung – damit soll die Luftverschmutzung gesenkt werden. Das vernetzte Auto allerdings könnte hilfreich sein, lässt es sich doch sehr gut mit zukunftsträchtigen Transportformen wie dem Carsharing verbinden. 

Für José Miguel García sind die Bestrebungen der Stadtregierung nur der Anfang. Er geht sogar noch weiter. „Barcelona“, sagt er, „soll die Welthauptstadt des vernetzten Autos werden.“

An der Plaza España, einem der repräsentativsten Plätze der Stadt, wo sich draußen am Kreisverkehr die Einheimischen zur Arbeit drängen und die Touristenbusse in die Innenstadt wälzen, plant García, wie man das smarte Auto noch weiter voranbringen kann. Der Spanier ist Direktor der Messe „Automobile“, zu der alle zwei Jahre die wichtigsten Autobauer der Welt strömen. Doch die Messe wird sich in diesem Mai signifikant ändern. „Was wir machen, ist weltweit einzigartig“, sagt García. „Es gibt die traditionellen Autoshows, und es gibt Technologiemessen wie die CES in Las Vegas. Wir bringen diese zwei Welten zusammen, die zusammengehören. Es wird weiter die Autoshow geben, aber erweitert um den Connected Hub.“

Garcías Bürotisch geht unter in einer Flut von Unterlagen. Wie immer haben sich Autobauer aus der gesamten Welt angemeldet – neuerdings sind aber auch Technologiekonzerne wie IBM, Microsoft oder T-Systems darunter. García beschreibt es so: „Legt man heutzutage einem 18-jährigen Teenager Autoschlüssel und Smartphone auf den Tisch, entscheidet er sich fast immer für das Smartphone. Die Welt ändert sich gerade massiv – das zu erkennen ist essenziell.“

 

„Es ist wichtig, vertrauen in die neue Technologie aufzubauen“

Luis Maria Perez-Serrano (Direktor Geschäftsbereich Car Business Services bei TÜV SÜD in Spanien)

 

Der Spanier führt durch die Messehallen und sprüht vor Vorfreude. Vier neue Bereiche werde es bei der Messe im Mai geben: das vernetzte Auto, E-Mobilität, autonomes Fahren und neue Geschäftsmodelle wie das Carsharing. García zeigt etwa einen lichtdurchfluteten Bereich, in dem es einen sogenannten Catwalk geben werde: Technologie zum Anfassen und Erleben. Denn: „Man kann das mit Tapas vergleichen: Viele Elemente, die nach und nach das Fahren smarter machen werden. Und wir wollen diejenigen sein, bei denen diese Neuerungen präsentiert werden.“ 

Klar ist aber auch: Da, wo neue Technologie entsteht, Umbrüche eingeläutet werden, tauchen neue Fragen auf – vor allem hinsichtlich der sicheren Umsetzung. Ein Thema, über das man sich bei TÜV SÜD und der spanischen Tochtergesellschaft des Unternehmens seit Langem intensiv Gedanken macht. „Die Menschen stehen neuen Technologien wie dem vernetzten Auto oft unsicher gegenüber“, erklärt Luis Maria Perez-Serrano, Direktor des Geschäftsbereichs Car Business Services bei TÜV SÜD in Spanien, nur wenige Minuten von der Plaza España entfernr im Bürogebäude an der Carrer Viladoma. „Dabei vereinfachen sie den Alltag. Unser Job ist es, das Vertrauen in diese Technik langfristig aufzubauen.“ 

Perez-Serrano hat vor allem zwei Metafragen ausgemacht, die TÜV SÜD beantworten wird: einerseits die Prozesssicherheit, das heißt, ob die Technik auch wie vorgesehen funktioniert? Kann sich der Fahrer etwa bei smarten Parksystemen sicher sein, dass er nicht zu einem besetzten Platz gelotst wird? Daneben liegt der Fokus vor allem auf der Datensicherheit: zum Beispiel, um die vernetzten Fahrzeuge und die Infrastruktur vor Hackerangriffen zu schützen. Aber auch, um nicht gewünschte Softwaremanipulationen durch Fahrzeugeigentümer möglichst auszuschließen.

 

Marktführer in Spanien

Marktführer in Spanien

Mehr als 1.300 Menschen arbeiten bei TÜV SÜD in Spanien. Das Unternehmen zählt damit zu den Marktführern für die technische Prüfung von Autos, Trucks und Motorrädern – vergleichbar der deutschen Hauptuntersuchung – und betreibt landesweit 34 Fahrzeugprüfstationen. Untersucht werden außerdem die Sicherheit von Industrie- und Chemieanlagen, Vergnügungsparks, Aufzügen oder auch Windenergieanlagen. Im Bereich Mobilität zählt das Thema „Hochautomatisiertes Fahren“ zu den Schwerpunkten. Das Engagement von TÜV SÜD auf der Iberischen Halbinsel reicht bis in die 1990er Jahre zurück. Im Februar 2016 wurde mit dem Kauf des spanischen Dienstleisters ATISAE die größte Akquisition der Unternehmensgeschichte getätigt.

Aufregende Zukunft

Dafür ist TÜV SÜD in Spanien als Consultingpartner und Prüfer von der Planung über die Zertifizierung bis hin zum Monitoring involviert – und selbst innerhalb der weltweiten TÜV SÜD Gruppe eng vernetzt: In Singapur treibt die dortige Regierung den Aufbau von Teststrecken für hochautomatisiertes Fahren mit TÜV SÜD-Unterstützung voran, in Garching bei München beschäftigt sich eine Expertengruppe des Unternehmens mit IT-Sicherheit im Fahrzeug.

Ignasi Vilajosana jedenfalls ist von den Möglichkeiten einer vernetzten Infrastruktur begeistert. Selbst spät am Abend wuselt der Gründer noch durchs Büro und plant die Zukunft. In einem kurzen Moment der Ruhe denkt er auch einmal an die Vergangenheit, an das Jahr 2007, als er von der Universität Barcelona seinen Doktor in Physik bekam. Ihm stand die Welt offen, er hätte in fast jedes Land gehen und bei bedeutenden Firmen arbeiten können. Aber er gründete sein Unternehmen. In Barcelona. „Ich würde alles wieder so machen“, sagt er. „Es war eine gute Zeit, um zu gründen. Jetzt kommt eine sehr spannende Zeit, und wir gestalten sie mit. Das ist aufregend.“ Was die Zukunft genau bereithalten wird? „Lassen wir uns überraschen“, ruft er herüber und verschwindet. Der nächste Termin wartet schon.

So arbeitet TÜV SÜD in Spanien (Film in spanischer Sprache).